Switzerland needs much more Venture investments

Unausgeschöpftes Potenzial -Obwohl die Schweiz eine der innovativsten Nationen weltweit ist, gibt es bei der Kommerzialisierung dieser Innovationen noch ziemlich viel Potenzial.

Schweizer Personalvorsorge, 02/16 - Die Schweizer Pensionskassen investieren wenig in Start-ups. Dabei wäre Potenzial vorhanden.

Die Schweiz ist eine der innovativsten Nationen weltweit: Sowohl der Global Innovation Index 2015 als auch das European Innovation Union Scoreboard 2015 führen die Schweiz bezüglich Innovationskraft auf dem ersten Rang von 141 beziehungsweise 34 untersuchten Ländern. Und obwohl die Schweiz nur rund 8 Mio. Einwohner zählt, verfügt sie im globalen Vergleich über zwei der höchstangesehenen technischen Hochschulen. Entsprechend überrascht es kaum, dass die Schweiz vor allem in denjenigen Umfragen zu punkten vermag, die den Messkriterien zur Forschungsintensität einen hohen Stellenwert zuordnen: internationale, wissenschaftliche Co-Publikationen, wissenschaftliche Co-Publikationen von öffentlichen Institutionen mit Privaten oder Einkünfte aus dem Ausland aus Lizenzen und Patenten.

Kluft 1:
Unzureichende Kommerzialisierung


Ein weitaus trüberes Bild präsentiert sich hingegen, wenn die Kommerzialisierung der herausragenden Forschungstätigkeit in den Fokus rückt. Keine einzige Schweizer Stadt rangiert in den Listen des 2015 Global Startup Ecosystem Ranking. Dieses ermittelt global die 50 attraktivsten Start-up-Zentren anhand der Kriterien «Performance», «Finanzierungsmittel », «Marktabdeckung», «Mitarbeiterqualität » und «Start-up-Erfahrung ». Die ersten Plätze werden – wenig überraschend – von angelsächsischen Zentren belegt: Silicon Valley, Boston und London belegen die Spitzenplätze. Aber auch aufstrebende Zentren wie Berlin oder Moskau schaffen es in die Top Ten. Zürich, Basel, Genf, Lausanne, Bern oder Lugano hingegen vermögen bezüglich Kommerzialisierung nicht mitzuhalten. Dagegen könnte eingewendet werden, dass ein Vergleich der Schweiz mit weitaus grösseren Nationen nicht zulässig sei. Aber auch ein Vergleich mit ähnlich grossen oder gar kleineren Volkswirtschaften ändert nichts an dieser ernüchternden  Tatsache (vergleiche Grafik Seite 89). So wenden zum Beispiel Schweden und Israel bedeutend mehr Mittel zu Gunsten ihrer Start-ups auf.

Schweden und Israel mit mehr Einhörnern

Im Vergleich zur Schweiz investiert Schweden dreimal mehr Mittel in Startups (2014 1.5 Mrd. Dollar). Dies entspricht einem Anteil von 11 Prozent an den gesamten  Europäischen Risikokapitalfinanzierungen. Mit 228 Risikokapitalfinanzierungen allein im Jahr 2014 weist Israel eine siebenmal höhere Zahl von Transaktionen auf als die Schweiz. Insgesamt investiert Israel knapp ein Prozent seines Bruttoinlandprodukts in Start-ups. So kann es denn auch nicht überraschen, dass sowohl Schweden als auch Israel je fünf sogenannte Einhörner hervorgebracht haben. Als Einhörner werden im Fachjargon Start-ups bezeichnet, die nach 2003 gegründet wurden und eine Bewertung von mindestens einer Mrd. Dollar erreicht haben. Leider wartet die Schweiz immer noch auf ihr erstes Einhorn. Dies ist nicht zuletzt deshalb bedauerlich, weil die stark positiven Impulse von Start-ups im Allgemeinen – und Einhörnern im Speziellen – auf das unternehmerische Ökosystem gut dokumentiert sind. So haben alleine die zehn oben genannten Einhörner direkt 6800 Arbeitsplätze in den lukrativen Sektoren Medien, IT-Sicherheit, Reisen und Transport, Kommunikation, Spiele, Musik oder Finanzdienstleistungen geschaffen. Der Nutzen und die Vorteile eines erfolgreichen Start-up-Ökosystems gehen entsprechend weit über die positiven, rein finanziellen Renditen hinaus.

Kluft 2: Schweizer Pensionskassen investieren nur zurückhaltend in Start-ups

Trotz ihrer vergleichsweise kleinen Grösse weist die Schweiz im Jahr 2015 mit 823 Mrd. Dollar das siebtgrösste Pensionskassenvermögen weltweit auf. Im europäischen Vergleich belegt sie damit Platz zwei. Betrachtet man hingegen den Anteil dieser Aktiven, die in alternative Anlagekategorien investiert werden (und hierzu zählen Risikokapitalfinanzierungen), belegt die Schweiz im europäischen Vergleich mit einem Allokationsanteil von 7 Prozent den vorletzten Rang.

Schweiz hat Potenzial als Start-up-Zentrum

Kluft 1 liefert starke Anhaltspunkte, dass die Schweiz ihr Potenzial als attraktives Start-up-Zentrum noch bei weitem nicht ausschöpft. Auf der Suche nach Gründen für die unzureichende Kommerzialisierung der guten Forschungsbasis werden immer wieder vier Faktoren genannt: Kultur, Grösse, Regulierung und Finanzierungsmöglichkeiten. Die ersten drei lassen sich in der Regel kaum oder nur mit erheblichem Aufwand und langfristig verändern. Die Verbesserung der Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups hingegen verspricht einen viel unmittelbareren Effekt. Und die Finanzierung von Start-ups stellt eine attraktive Investitionsmöglichkeit dar. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund chronisch tiefer nominaler Zinssätze, die Anleger zunehmend in Aktiven investieren lässt, die entsprechend höhere Risiken aufweisen.

Kluft 2 liefert Evidenz dafür, dass Schweizer Pensionskassen im Vergleich mit anderen Pensionskassensystemen gleicher Struktur, Grösse und Geografie in alternativen Anlagen unterinvestiert sind.

Die  Kombination beider Beobachtungen führt zum Schluss, dass ein höherer Anteil an Risikokapitalanlagen in den Portfolios der Schweizer Pensionskassen eine attraktive Möglichkeit zur besseren Diversifizierung der Anlageportfolios bietet. Gleichzeitig könnte ein reales Kapitalallokationsproblem der Schweizer Wirtschaft behoben werden. Würden zum Beispiel die zehn grössten Schweizer Pensionskassen ein Promille ihrer verwalteten Vermögen in derartige Risikokapitalfinanzierungen investieren, würden dadurch den Schweizer Start-ups rund 220 Mio. Franken zusätzlich zufliessen. Eine derartige Allokation entspräche einer rund 50-prozentigen Erhöhung der Mittel für Risikokapitalfinanzierungen in der Schweiz: Im Jahr 2014 standen dafür insgesamt 457 Mio. Franken zur Verfügung. Diese zusätzlichen Mittel würden es erlauben, rund 40 zusätzliche Start-ups zu finanzieren.

Minus mal Minus ergibt Plus

Was einfach tönt, ist in der Praxis jedoch ein komplexes Unterfangen: Es gibt wenig Transparenz bezüglich der Performance bereits getätigter oder laufender Risikokapitalfinanzierungen. Zudem ist die Risikokapitalindustrie in der Schweiz stark fragmentiert und die schweizerischen Pensionskassen weisen mit dieser Anlagekategorie vergleichsweise geringe Erfahrung auf. Die dargestellte Problematik bildet zurzeit auch Gegenstand politischer Diskussionen in Bern, insbesondere basierend auf der Motion Graber, in der «(…) der Bundesrat eingeladen (wird), einen privatwirtschaftlich organisierten und gehaltenen ‹Zukunftsfonds Schweiz› zu initiieren, welcher auf Wunsch der Pensionskassen deren zukunftsträchtige Anlagen zur Betreuung übernimmt».

Beide eidgenössischen Räte haben die Motion überwiesen und der Bundesrat hat dazu eine Arbeitsgruppe mit dem Auftrag gebildet, die Idee weiter zu evaluieren. Anlässlich einer Sitzung am 4. Juni 2015 haben sich in diesem Rahmen Vertreter der schweizerischen Pensionskassen und der Risikokapitalindustrie zu einem Ideenaustausch getroffen.

Trotz durchaus ermutigender erster Diskussionen zwischen den verschiedenen involvierten Parteien ist es bisher noch nicht gelungen, aus zwei Minus ein Plus zu machen. Es bleibt abzuwarten, ob es im eben begonnenen neuen Jahr gelingen wird, die Grundlagen für einen breit diversifizierten schweizerischen Risikokapitalfonds zu legen und damit die Wettbewerbsfähigkeit des schweizerischen Start- up-Ökosystems zu stärken, bevor die Thematik auf der politischen Ebene weiter eskaliert.

Die Schweiz im Vergleich mit Peer-Nationen
                                                                                         

                                        Messgrössen                                                   Switzerland                Israel                      Sweden

Macro                            
                                        Bevölkerung                                                        8.1 Mio                        8.0 Mio                     9.8 Mio.
                                        Pop. 15–24 Jahre                                                  11%                             16%                         12%
                                        BIP                                                                      $ 473 Mrd.                   $ 272 Mrd.              $ 451 Mrd.

Forschung und Innovation   
                                       Anzahl Top-100-Universitäten                               2                                    1                               3
                                       Patentanmeldungen pro 100 Mrd.
                                       BIP von in der Schweiz Wohnhaften                 1958                               480                          1484
                                       Rang im «Innovation Scoreboard»                        1.                                  n/a                             2.

Finanzierung und Kommerzialisierungserfolg       
                                       Risikokapitalfinanzierung (2014)                        $ 0.6 Mrd.                   $ 2.5 Mrd.                 $ 1.5 Mrd.
                                       Anzahl Risikokapitaltransaktionen (2014)            38                             228                             77
                                       Risikokapitalfinanzierung in % des BIP              0.12%                         0.93%                       0.34%
                                       Anzahl Einhörner*                                                  0                                  5                                5

* Als Einhörner werden Unternehmen bezeichnet, die nach 2003 gegründet wurden und eine Bewertung von mehr als $ 1 Mrd. erreicht haben.
Quellen: Atomico.com (2015), CB Insights (2015), CIA Factbook (2014), The Times Education (2015), WIPO (2013).

Verwendete Referenzen und Quellen

– Atomico.com (2015), http://www.atomico.com/explore-d3, abgerufen am 17/12/2015
– CB Insights (2015), https://www.cbinsights.com/, abgerufen am 17/12/2015
– Global Innovation Index (2015), https://www.globalinnovationindex.org/content/page/gii-full-report-2015/#pdfopener, abgerufen am 17/12/2015
– Innovation Union Scoreboard (2015),http://ec.europa.eu/growth/industry/innovation/facts-figures/scoreboards/files/ius-2015_en.pdf, abgerufen am 17/12/2015
– Mercer (2014), http://info.mercer.com/rs/mercer/images/13080-IC%202014%20European%20Asset%20Allocation%20survey%20report_FIN_SEC.PDF, abgerufen am 17/12/2015
– OECD (2015), http://www.oecd.org/daf/fin/private-pensions/Pension-Marketsin-Focus-2015.pdf, abgerufen am17/12/2015
– Startupticker (2015), http://www.startupticker.ch/uploads/File/VCReport_2014.pdf, abgerufen am 17/12/2015
– Startup Compass (2015), http://blog.startupcompass.co/the-2015-globalstartup-ecosystem-ranking-is-live, abgerufen am 17/12/2015
– The Times Higher Education World University Rankings (2015), https://www.timeshighereducation.com/world-university-rankings/2016/engineering-technology#!/page/0/length/25, abgerufen am 17/12/2015
– Towers Watson (2015), https://www.towerswatson.com/en/Insights/IC-Types/Survey-Research-Results/2015/02/Global-Pensions-Asset-Study-2015, abgerufen am 17/12/2